{"id":14296,"date":"2016-03-30T09:45:34","date_gmt":"2016-03-30T09:45:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weli.at\/kinder\/?p=14296"},"modified":"2016-04-20T13:43:02","modified_gmt":"2016-04-20T13:43:02","slug":"jesper-juul-erziehung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/jesper-juul-erziehung-2\/","title":{"rendered":"Jesper Juul Erziehung Migros"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jesper Juul: Keine Erziehung ohne F\u00fchrung<br \/>\n<\/strong><br \/>\nEltern sollten ihre Verantwortung als Leitfiguren wahrnehmen. Das fordert der renommierte Familientherapeut Jesper Juul in seinem neuesten Buch. Zwar begr\u00fcsst er die Abkehr vom autorit\u00e4ren Erziehungsstil, aber ohne F\u00fchrung funktioniere es nicht.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Jesper Juul, Sie haben bisher stets betont, dass Kinder Beziehung statt Erziehung brauchen. Jetzt verlangen Sie in Ihrem neuen Buch, dass Eltern Leitw\u00f6lfe sein sollen. Schlagen Sie damit einen Richtungswechsel ein?<\/strong><br \/>\nNein! Ich habe von Anfang an betont, wie grundlegend wichtig die elterliche Verantwortung f\u00fcr die Qualit\u00e4t der Beziehung ist. Einige romantische Leser haben daraus jedoch geschlossen, ich w\u00fcrde die Bed\u00fcrfnisse der Kinder wichtiger einsch\u00e4tzen als die der Eltern. Zugleich fiel es ihnen offenbar schwer, zu unterscheiden zwischen meiner Empfehlung, ihre Kinder ernst zu nehmen, und einer Haltung, die die Kinder W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse ausleben l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>W\u00f6lfe, so schreiben Sie, leben in vorbildlichen sozialen Strukturen. Dennoch: Wie sind Sie ausgerechnet auf das Bild vom Leitwolf gekommen? H\u00e4tte etwas Zivilisierteres nicht besser gepasst?<\/strong><br \/>\nMeine Absicht war vor allem, eine klare Alternative zu den allzu sch\u00f6ngef\u00e4rbten elterlichen Haltungen aufzuzeigen und gleichzeitig die Wichtigkeit von Eltern als f\u00fchrenden Rollenvorbildern zu betonen.<br \/>\nWenn Sie von F\u00fchrung sprechen, meinen Sie nicht Herrschen, sondern eine ganz bestimmte Form von liebevoller F\u00fchrung.<\/p>\n<p><strong>F\u00fchrung muss durchwoben sein von Empathie, Einsicht, Mut und dem Wunsch, viel von denen und \u00fcber diejenigen zu lernen, die man f\u00fchrt.<br \/>\nDas klingt freundlich. Warum scheuen sich Eltern davor zu f\u00fchren?<\/strong><br \/>\nViele Eltern f\u00fcrchten, ihre Kinder zu verletzen oder ihnen Schaden zuzuf\u00fcgen. Deshalb gleiten sie in einen s\u00fcsslichen Erziehungsstil \u00fcber, indem sie versuchen, die Kinder st\u00e4ndig zu \u00fcberreden und zu \u00fcber\u00adzeugen. Das jedoch wird ihnen als Menschen \u00fcberhaupt nicht \u00adgerecht \u2013 und macht daher \u00ad auch nicht den geringsten Eindruck auf die Kinder. Und das wiederum treibt die Eltern nach einigen Jahren in den Wahnsinn.<\/p>\n<p><strong>Heisst das, dass Kinder ohne klare F\u00fchrung die Eltern schlie\u00dflich in den Wahnsinn treiben?<br \/>\n<\/strong>Mehr noch: Die Kinder werden selber genauso verloren, gestresst, unzufrieden und frustriert wie ihre Eltern.<\/p>\n<p><strong>\u00abLeitwolf sein\u00bb klingt hingegen stark. Und sicher w\u00e4ren viele Eltern gern Leitw\u00f6lfe. Es ist aber \u00adalles andere als einfach\u2009\u2026<\/strong><br \/>\nIch glaube, der gr\u00f6sste Stolperstein sitzt zwischen unseren Ohren. Wir m\u00fcssen unsere Denkweise \u00e4ndern, damit wir neue Werte und ein neues Verhalten annehmen k\u00f6nnen. Viele Eltern stecken fest, weil sie dazu tendieren, in Gegenteilen zu denken statt in Alternativen. \u00abPers\u00f6nliche Autorit\u00e4t\u00bb zum Beispiel ist eine Alternative zur veralteten Polarisierung zwischen autorit\u00e4r und freiheitsbewusst.<\/p>\n<p><strong>Und wie k\u00f6nnte diese gute Alternative aussehen?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nEltern sollten Leuchtt\u00fcrme sein. Der Leuchtturm ist ein \u00e4hnliches, aber weniger einsch\u00fcchterndes Symbol als der Leitwolf: Er dient dazu, den Schiffen beim Navigieren zu helfen. Und das ist es, was \u00adKinder von allen Erwach\u00adsenen brauchen. In vielen \u00adFamilien hin\u00adgegen \u00aderhalten die Kinder die Position des Leuchtturms \u2013 daf\u00fcr haben sie aber gar nicht die notwendige Lebenserfahrung.<\/p>\n<p><strong>Leuchtturm oder Leitwolf: Was macht die bessere Mutter, den besseren Vater aus?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch trage nicht gern zum Wettbewerb zwischen M\u00fcttern und V\u00e4tern bei. Sie haben \u00e4hnlich schlechte Gewohnheiten und dasselbe Potenzial, um diese Gewohnheiten zu \u00e4ndern. Die Mischung aus pers\u00f6n\u00adlicher Verantwortung, Bindung und Autorit\u00e4t ist f\u00fcr M\u00fctter und V\u00e4ter neu. F\u00fcr Kinder ist es op\u00adtimal, wenn sie beide Arten von F\u00fchrung erleben zu Hause, im Kindergarten und in der Schule.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Eltern auch gemeinsam ein \u00abLeitwolfteam\u00bb sein?<\/strong><br \/>\nOh ja! Aber es liegt in der Natur dieses F\u00fchrungsstils, dass sie es unterschiedlich angehen und auch anders kommunizieren. Das ist ein grosser Vorteil f\u00fcr die Kinder. Bei dem F\u00fchrungsstil, den ich f\u00f6rdern m\u00f6chte, geht es nicht darum, Macht zu erlangen und zu erhalten, sondern darum, f\u00fcr das Wohlbefinden s\u00e4mtlicher Familienmitglieder Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><strong>Sollten Eltern immer einer Meinung sein?<\/strong><br \/>\nEs ist praktisch, wenn Eltern in Alltagsfragen wie Ern\u00e4hrung, Schlafenszeiten, Kleidung oder Schule \u00fcbereinstimmen. Das erspart ihnen energiefressende Konflikte. Kinder gehen locker mit den Unterschieden um, solange Eltern sich nicht dar\u00fcber streiten, sondern sich darin einig sind, dass sie uneinig sind. Es ist nicht n\u00f6tig, dass sie eine einheitliche Front gegen die Kinder bilden, wie das die Eltern vor zwei Generationen noch taten.<\/p>\n<p><strong>Sie thematisieren in Ihrem neuen Buch auch die Rollen von Frauen und M\u00e4nnern, eigentlich die gesamten gesellschaftlichen und sozialen Strukturen. Fast scheint es, als wollten Sie nicht nur die Welt der \u00adKinder retten, sondern gleich die ganze Gesellschaft.<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch habe nie gesagt, dass wir an der \u00adgegenw\u00e4rtigen Ordnung der Dinge festhalten sollten \u2013 unser Zusammenleben erfordert noch viele Verbesserungen und Fortschritte. Die ganze F\u00fchrungsfrage gilt nicht nur f\u00fcr Familien, sondern auch in Politik, Industrie und privaten und \u00f6ffentlichen Organisationen; in allen Bereichen ist klar geworden, dass der autorit\u00e4re Stil veraltet ist und ein rein demokratischer Stil auch nicht funktioniert. Die grundlegende und extrem wichtige Aufgabe ist es nun, einen Weg zu finden, der dem Interesse aller dient, ohne die Integrit\u00e4t der Einzelnen zu verletzen. In dieser wichtigen Entwicklung sind die heutigen Eltern Pioniere, und ich bewundere sie f\u00fcr ihre Bem\u00fchungen.<\/p>\n<p><strong>Eins Ihrer zentralen Themen ist auch in diesem Buch die \u00abGleichw\u00fcrdigkeit\u00bb von Eltern und Kindern: Funktioniert sie auch noch, wenn die Eltern klar die Leitwolffunktion \u00fcbernehmen?<\/strong><br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich. Gleichw\u00fcrdigkeit ist ein Eckpfeiler k\u00fcnftiger F\u00fchrungsweisen. Sie hat nichts zu tun mit \u00abGleichsein\u00bb in einem politischen Sinn, sondern damit, dass man sich auf andere Menschen verlassen kann \u2013 auf eine Art, die auch deren Grenzen respektiert und ihre Gedanken, Ideen, Bed\u00fcrfnisse und Emotionen ernst nimmt. Eine ganz \u00e4hnliche \u00adEntwicklung ist n\u00f6tig im \u00adZusammenleben zwischen Mann und Frau.<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben: \u00abKinder sind bis zur Pubert\u00e4t auf Eltern angewiesen, die ihnen als Leitw\u00f6lfe Anleitung und Lebenserfahrung bieten. Ab der Pubert\u00e4t hingegen wird alles anders.\u00bb Das ist aber nicht so einfach, wie es klingt.<\/strong><br \/>\nNichts im Leben ist einfach. Jede Entwicklungsphase, von der Geburt bis zum Tod, ist schwierig und verlangt unsere volle Aufmerksamkeit, damit sie f\u00fcr alle Involvierten fruchtbar wird. Wenn man sich das immer wieder vor Augen h\u00e4lt, werden viele \u00addieser Phasen eher aufregend als problematisch.<\/p>\n<p>https:\/\/www.migrosmagazin.ch\/menschen\/interview\/artikel\/jesper-juul-keine-erziehung-ohne-fuehrung?utm_source=newsletter_61&#038;utm_medium=email&#038;utm_campaign=familylab-neuigkeiten-angebote-april-mai-2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jesper Juul: Keine Erziehung ohne F\u00fchrung Eltern sollten ihre Verantwortung als Leitfiguren wahrnehmen. Das fordert der renommierte Familientherapeut Jesper Juul in seinem neuesten Buch. 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