{"id":18469,"date":"2017-03-30T19:17:50","date_gmt":"2017-03-30T19:17:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weli.at\/kinder\/?p=18469"},"modified":"2017-06-19T10:04:29","modified_gmt":"2017-06-19T10:04:29","slug":"mehr-freiheit-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/mehr-freiheit-der-standard\/","title":{"rendered":"Mehr Freiheit &#8211; der Standard"},"content":{"rendered":"<p><strong>Standard Artikel: Lasst die Kinder von der Leine &#8211; mehr Freiheit!<\/strong><\/p>\n<p>Kinder lieben unbeobachtetes Herumtoben in der Natur.<br \/>\nDie Freizeitplanung vieler Eltern sieht anderes vor: Einkaufscenter statt Eidechsenjagd, B\u00e4llebad statt Baumklettern Langsam lauernd drehen Autos ihre Runden, rote R\u00fccklichter flackern, man h\u00f6rt nerv\u00f6ses Gehupe. <!--more--><\/p>\n<p>Auf dem Parkplatz eines schwedischen M\u00f6belhauses am Nordrand von Wien regiert das Du-Wort. Nicht wie in seiner famili\u00e4ren und netten Variante, sondern wie in &#8222;du Arschloch&#8220;. So schimpft ein Familienvater im SUV einen anderen, der ihm den Parkplatz vor der Nase wegschnappt. Seine drei Kinder auf dem R\u00fccksitz blicken sehr konsequent in ihre Smartphones. <\/p>\n<p>Es ist ein fr\u00fchlingshafter Samstagvormittag im M\u00e4rz. Der Spa\u00df f\u00fcr die ganze Familie \u2013 man kann ihn mit H\u00e4nden greifen. W\u00fcrde man M\u00e4dchen und Buben vor die Wahl stellen, was ihnen lieber ist \u2013 im Dreck zu w\u00fchlen, Feuer zu machen und B\u00e4che zu stauen oder doch lieber im Schlepptau ihrer genervten Eltern das Wochenende bei Kunstlicht zu verbringen \u2013, die Antwort w\u00fcrde wohl eindeutig ausfallen. Aber die Kinder fragt niemand. <\/p>\n<p>&#8222;Dabei sehnen sich alle Kinder danach, frei und unbeobachtet drau\u00dfen zu spielen&#8220;, sagt Ernst Muhr. Er hat aus der Abenteuerlust der Kinder einen Beruf gemacht. Muhr ist Co-Gr\u00fcnder des Vereins Fratz Graz und entwickelt seit vielen Jahren mit Beteiligung von Kindern spannende Spielr\u00e4ume. Auch einen Abenteuerspielplatz hat er umgesetzt. Brachr\u00e4ume, Bachtr\u00e4ume Abenteuerspielpl\u00e4tze bilden nach, was f\u00fcr Kinder lange Zeit normal war, aber selten geworden ist:<br \/>\nungestaltete Natur als Raum zum Spielen ohne &#8222;Bedienungsanleitung&#8220;. Ohne angelegte Wege und Spielger\u00e4t, das bestimmte Bewegungsabl\u00e4ufe vorgibt. Stattdessen gibt es B\u00e4ume zum Klettern, B\u00e4che, die man stauen kann, unbefestigte Gst\u00e4tten und Tiere, um die sich die Kinder k\u00fcmmern. So lernen sie ganz nebenbei Verantwortung. Es gibt Betreuerinnen und Betreuer am Abenteuerspielplatz, aber die bleiben im Hintergrund. Die Kinder sollen unter sich sein, sich selbst organisieren und voneinander lernen, streiten und sich wieder vers\u00f6hnen. &#8222;Nur so entwicklen sie Sozialkompetenz&#8220;, ist Muhr \u00fcberzeugt. <\/p>\n<p>In Deutschland g\u00e4be es 500 Abenteuerspielpl\u00e4tze, in \u00d6sterreich gerade einmal vier. Dabei brauchen Kinder eigentlich gar keinen Spielplatz, sagt er. &#8222;Sie brauchen Platz zum Spielen.&#8220; Aber der wird immer knapper \u2013 angesichts von versiegelten Betonfl\u00e4chen, Blechlawinen und Spielverboten im Innenhof. Schon deswegen ist Muhr kein Feind regul\u00e4rer Spielpl\u00e4tze mit Rutsche, Schaukel und Sandkiste. Die seien wichtig, weil sie zeigen, dass es fixe Pl\u00e4tze f\u00fcr Kinder gibt. &#8222;Aber abseits dessen sollte eigentlich die ganze Stadt oder der ganze Ort ein Platz f\u00fcr Kinder sein.&#8220; <\/p>\n<p>Doch Stadt und Land sind heute baulich auf den motorisierten Individualverkehr, vulgo auf das Auto ausgerichtet; damit sind viele \u00f6ffentliche R\u00e4ume und Brachfl\u00e4chen verschwunden, die Kindern Bewegungsfreiheit und selbstorganisiertes Spielen gemeinsam mit anderen Kindern erm\u00f6glichten. Die Vereinzelung der Kinder hat aber nicht nur mit der Raumgestaltung zu tun: Sie ist auch Folge einer Individualisierung, die die abgeschottete Kleinfamilie f\u00fcr viele Menschen wieder attraktiv macht. In die sie sich aus einer Gesellschaft zur\u00fcckziehen, die sie als nicht mehr funktionierd oder sogar bedrohlich empfinden. <\/p>\n<p>Diese Tendenz ist in der Stadt, wo immer ein gewisses Ma\u00df an Durchmischung fortbesteht, weniger ausgepr\u00e4gt als auf dem Land. Die Schlagw\u00f6rter dazu lauten Zersiedelung, Einfamilienhaus und Elterntaxi.<br \/>\nDiese Entwicklung hat die kindliche Bewegungswelt in den letzten Jahrzehnten dramatisch ver\u00e4ndert. In den 1950er- und 1960er-Jahren haben dutzende Kinder auf ein und demselben Drahtesel Fahrradfahren gelernt. Heute unvorstellbar, da besitzt jedes Kind sein eigenes Fahrrad. Oder eher: Manche Kinder haben mehrere R\u00e4der, andere gar keines. Gemeinsame Spielkultur geht verloren. Diese Kultur bestand darin, dass die \u00c4lteren den J\u00fcngeren etwas beibringen, selbstorganisiert und ohne dabei von Erwachsenen bobachtet und kontrolliert zu werden. <\/p>\n<p>Am ehesten leben heute migrantische Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien die alte Spielkultur \u2013 in den Parks und Fu\u00dfballk\u00e4figen. Dorthin weichen sie aus, weil die Wohnungen der Eltern oft klein sind und es zuhause weder Garten noch Geigenunterricht gibt. <\/p>\n<p>&#8222;Die vernachl\u00e4ssigten Kinder sind in Bezug auf spielerische Bewegung die privilegierten Kinder&#8220;, sagt Otmar Wei\u00df, Universit\u00e4tsprofessor und Leiter des Zentrums f\u00fcr Sportwissenschaft und Universit\u00e4tssport in Wien. &#8222;Der Park geh\u00f6rt ihnen.&#8220; <\/p>\n<p>Der Zugang zu Bewegung und Sport sei heute weitgehend institutionalisiert \u2013 \u00fcber kommerzielle Anbieter und organisierten Vereinssport. Der kann aber nicht kompensieren, was an fr\u00fchen und selbstorganisierten Bewegungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Kinder verloren gegangen ist. Mit gravierenden Folgen, sagt Wei\u00df: &#8222;Wenn sich Kinder nicht von klein auf ausreichend bewegen, leidet ihre geistige und soziale Entwicklung.&#8220; \u00dcber den K\u00f6rper werden ganzheitlich F\u00e4higkeiten erworben: &#8222;Kinder organisieren sich \u00fcber Bewegungshandlungen miteinander.&#8220; Indem sie sich aneinander orientieren und sich gegenseitig beobachten, lernen sie den eigenen K\u00f6rper und seine F\u00e4higkeiten kennen. &#8222;Kinder brauchen Kinder, das ist das wichtigste Grundprinzip von klein auf.&#8220; Rollenspiele schulen zudem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Empathie \u2013 eine F\u00e4higkeit, die heute vielen Menschen zu fehlen scheint. <\/p>\n<p>Es ist Nachmittag geworden auf dem Parkplatz vor dem schwedischen M\u00f6belhaus. Die Kinder klettern wieder auf die R\u00fcckbank des elterlichen SUV. Sie sind m\u00fcde und matt geworden von der schlechten Luft, dem Kunstlicht und dem Ger\u00e4uschpegel in der Einkaufshalle. Das Wort, das sie heute am \u00f6ftesten von ihren Eltern geh\u00f6rt haben, war \u00fcbrigens: &#8222;Nein.&#8220; <\/p>\n<p>(Lisa Mayr, 26.3.2017) &#8211; derstandard.at\/2000054765312\/Lasst-die-Kinder-von-der-Leine 2017-03-30, 21.13<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Standard Artikel: Lasst die Kinder von der Leine &#8211; mehr Freiheit! Kinder lieben unbeobachtetes Herumtoben in der Natur. 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