{"id":18669,"date":"2017-07-27T12:43:00","date_gmt":"2017-07-27T12:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weli.at\/kinder\/?p=18669"},"modified":"2017-09-24T21:04:04","modified_gmt":"2017-09-24T21:04:04","slug":"sorge-arbeit-ohne-lohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/sorge-arbeit-ohne-lohn\/","title":{"rendered":"Sorge Arbeit &#8211; ohne Lohn"},"content":{"rendered":"<h1>Sorge Arbeit ohne Lohn &#8211; Unbezahlte Sorgearbeit ist nach wie vor weiblich<\/h1>\n<p>Feministische Konzepte wie Arbeitszeitverk\u00fcrzung oder bedingungsloses Grundeinkommen setzen darauf, Sorge Arbeit ins Zentrum gesellschaftspolitischer Diskussionen zu stellen<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Initiatorinnen des Frauenvolksbegehrens 2.0 noch via Crowdfunding Geld f\u00fcr die Umsetzung ihres Vorhabens im kommenden Jahr sammeln, sorgen die Inhalte des Volksbegehrens bereits f\u00fcr Diskussionen. Teilzeit f\u00fcr alle, konkret eine 30-Stunden-Woche f\u00fcr die unselbst\u00e4ndig Besch\u00e4ftigten, lautet eine der insgesamt 15 Forderungen:<!--more--><\/p>\n<p>Die Aktivistinnen erhoffen sich angesichts des hohen Frauenanteils bei der Teilzeitbesch\u00e4ftigung eine gerechtere Verteilung von unbezahlter Arbeit. Gemeinsam mit der Forderung nach einem gesetzlich verankerten Mindestlohn von 1.750 Euro brutto st\u00f6\u00dft die arbeitsmarktpolitische Vision vor allem bei Konservativen und Liberalen auf Ablehnung. Von &#8222;sozialistischer Symptombek\u00e4mpfung&#8220; spricht etwa Neos-Frauensprecherin Claudia Gamon in einer Aussendung. Sie bef\u00fcrchtet eine Verschlechterung der Situation von Frauen am Arbeitsmarkt. Einer entsprechenden Neufassung des Arbeitszeitgesetzes haftet aber ohnehin ein utopischer Charakter an.<\/p>\n<p>Seit der Einf\u00fchrung der 40-Stunden-Woche im Jahr 1975 ist es in \u00d6sterreich zu keiner weiteren Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit gekommen. Aktuell ringen die Sozialpartner um eine Einigung in Sachen Arbeitszeitflexibilisierung. Einer drastischen Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit begegnen indes nicht nur VertreterInnen der ArbeitgeberInnen mit Skepsis. Auch im Geschwerkschaftsbund setzt man auf alternative Rezepte. Renate Anderl, Vizepr\u00e4sidentin und Bundesfrauenvorsitzende des \u00d6GB, ist eine Diskussion \u00fcber die Arbeitszeitverk\u00fcrzung gerade f\u00fcr Arbeitnehmerinnen zwar &#8222;sehr wichtig&#8220;, eine 30-Stunden-Woche \u2013 bei vollem Lohnausgleich \u2013 sieht sie allerdings als zu niedrig angesetzt. Reformen m\u00fcssten zudem branchenspezifisch passieren, ist Anderl \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Schon jetzt schreiben Kollektivvertr\u00e4ge unterschiedliche Wochenstunden vor, im Handel und im eisen- und metallverarbeitenden Gewerbe betr\u00e4gt die Normalarbeitszeit etwa nicht 40, sondern 38,5 Stunden pro Woche.<\/p>\n<p>Auch einen vereinfachten Zugang zur sechsten Urlaubwoche f\u00fcr Langgediente und damit mehr Erholungszeiten w\u00fcnscht sich Anderl. &#8222;Mehr Urlaub ist schlie\u00dflich auch eine Form der Arbeitszeitverk\u00fcrzung&#8220;, sagt die \u00d6GB-Vizepr\u00e4sidentin.<\/p>\n<h2>Individuelle Arbeitszeitverk\u00fcrzung<\/h2>\n<p>Dass die feministische Diskussion Forderungen wie eine radikale Arbeitszeitverk\u00fcrzung und \u00e4hnliche Konzepte zur Neugestaltung von Erwerbsarbeit hervorgebracht hat, ist nicht zuletzt der weitgehenden Ausblendung von Sorge Arbeit im politischen Mainstream geschuldet. Unbezahlte Sorgearbeit ist \u2013 wie Studien wiederholt belegen \u2013 nach wie vor weiblich.<br \/>\nIn \u00d6sterreich arbeitet rund die H\u00e4lfte der erwerbst\u00e4tigen Frauen in Teilzeit und setzt damit auf eine individuelle Arbeitszeitverk\u00fcrzung ohne Lohnausgleich. &#8222;Wir haben in \u00d6sterreich eine riesige Geschlechterkluft am Arbeitsmarkt. Frauen arbeiten in Teilzeit, um Beruf und Familie zu vereinbaren&#8220;, sagt Claudia Sorger, die am Wiener Institut L&amp;R Sozialforschung zu Arbeitszeit und Geschlecht forscht. Sorger h\u00e4lt eine schrittweise Arbeitszeitverk\u00fcrzung mit Lohn- und Personalausgleich aus mehreren Gr\u00fcnden f\u00fcr sinnvoll. Die vorhandene Arbeit k\u00f6nne angesichts anhaltend hoher Arbeitslosigkeit auf einen gr\u00f6\u00dferen Personenkreis aufgeteilt, unbezahlte Arbeit gerechter verteilt sowie die Produktivit\u00e4t und Zufriedenheit der Besch\u00e4ftigten erh\u00f6ht werden.<\/p>\n<p>Eine gesetzliche Arbeitszeitverk\u00fcrzung sch\u00e4tzt allerding auch Sorger f\u00fcr wenig realistisch ein. &#8222;Es fehlen die politischen AkteurInnen, die das vorantreiben \u2013 obwohl eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung auch aus gleichstellungs- und gesundheitspolitischen Gr\u00fcnden l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig w\u00e4re&#8220;, sagt die Soziologin.<\/p>\n<h2>Das Ganze der Arbeit<\/h2>\n<p>Eine Steigerung der Produktivit\u00e4t und ein m\u00f6glicher weiterer Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen stehen indes im Zentrum einer anderen Debatte. Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 werden aktuell die zu erwartenden Auswirkungen der fortschreitenden Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt diskutiert \u2013 wobei die Care-Frage abermals ausgeklammert bleibt. &#8222;Mit der Digitalisierung k\u00f6nnen wir in der Tat pro Arbeitsstunde mehr Autos produzieren, aber wir k\u00f6nnen nicht immer schneller Menschen beraten, heilen, versorgen, ohne dass es zu gro\u00dfen Qualit\u00e4tsverlusten kommt&#8220;, sagt Gabriele Winker, Professorin f\u00fcr Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der TU Hamburg-Harburg. Menschliche Arbeit in der G\u00fcterproduktion werde k\u00fcnftig weiter zur\u00fcckgehen, Care-Arbeit aufgrund demographischer und gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen proportional zunehmen. &#8222;Schon heute erfordert der Care-Bereich bereits zwei Drittel aller entlohnten und nicht entlohnten Arbeitsstunden. Diese Verschiebung wird aber nicht diskutiert, da Sorgearbeit nach wie vor den Frauen zugeordnet wird und unsichtbar bleibt&#8220;, sagt die Sozialwissenschaftlerin.<br \/>\nWinker fordert nicht nur eine radikale Reduktion der Erwerbsarbeitszeit, sie sieht auch das bedingungslose Grundeinkommen als geeignetes Konzept auf dem Weg zum &#8222;guten Leben f\u00fcr alle&#8220;. Das seit Jahrzehnten diskutierte Modell des leistungslosen Einkommens ist auch unter Feministinnen umstritten. Ein Abbau von staatlicher Infrastruktur im Gesundheits- und Bildungswesen wird von seinen Gegenerinnen ebenso bef\u00fcrchtet wie eine Versch\u00e4rfung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung: Frauen w\u00fcrden f\u00fcr ihre unbezahlte Arbeit entlohnt und somit dem Arbeitsmarkt endg\u00fcltig fernbleiben.<\/p>\n<p>Grundeinkommen-AktivistInnen stellen sich indes gegen eine Bewertung der unterschiedlicher Arbeitsbereiche: Das &#8222;Ganze der Arbeit&#8220; m\u00fcsse in den Diskurs miteinbezogen, Erwerbsarbeit ebenso wie Sorgearbeit, zivilgesellschaftliches und politisches Engagement als zentrale Teilbereiche des menschlichen Daseins anerkannt werden. W\u00e4hrend liberale Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens die Streichung s\u00e4mtlicher Sozialleistungen vorsehen und vorrangig auf einen Abbau von B\u00fcrokratie setzen, betonen Feministinnen die Bedeutung staatlicher Einrichtungen.<\/p>\n<p>&#8222;Der Kampf um ein bedingungsloses Grundeinkommen muss immer mit der Forderung nach dem dringend ben\u00f6tigten Ausbau von Kindertagesst\u00e4tten, Schulen, Krankenh\u00e4usern und Altenpflegeheimen mit ausreichendem und gut bezahltem Personal verbunden werden. \u00dcber eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums w\u00e4re das auch finanzierbar&#8220;, ist Gabriele Winker \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Auch in Organisationen wie der Armutskonferenz wird das bedingungslose Grundeinkommen seit vielen Jahren diskutiert. Menschen mit Armutserfahrung w\u00e4ren durch diese Form der Grundsicherung nicht zuletzt davon befreit, Beh\u00f6rden ihre Bed\u00fcrftigkeit nachzuweisen. &#8222;Ich bin f\u00fcr ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil es Menschen den Druck nehmen w\u00fcrde, vom AMS jeden Job annehmen zu m\u00fcssen, und Menschen generell ohne den st\u00e4ndigen finanziellen Druck wesentlich freier leben und \u00fcber ihre Zukunft entscheiden k\u00f6nnen&#8220;, sagt dazu Regina Amer, die in der Plattform &#8222;Sichtbar werden&#8220; der Armutskonferenz und im Wiener Armutsnetzwerk aktiv ist.<\/p>\n<p>Auch wenn in der Schweiz bereits \u00fcber ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt wurde und in einzelnen europ\u00e4ischen Staaten \u00e4hnliche Modelle bereits auf lokaler Ebene getestet werden \u2013 eine konkrete Umsetzung erscheint gegenw\u00e4rtig weit weniger realistisch als die 30-Stunden-Woche. Bef\u00fcrworterinnen sehen die Utopie dennoch ganz pragmatisch \u2013 und teilen diesen Zugang mit den Initiatorinnen des Frauenvolksbegehrens 2.0. Als B\u00fcrgerInnenbewegung m\u00f6chten sie nicht nur Diskussionen ansto\u00dfen, es gehe auch darum, &#8222;Druck aufzubauen, sagte Sprecherin Teresa Havlicek bei der Pressekonferenz Ende April. (Brigitte Thei\u00dfl, 21.5.2017) &#8211; derstandard.at &#8211; 2017-07-27, 14.40<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorge Arbeit ohne Lohn &#8211; Unbezahlte Sorgearbeit ist nach wie vor weiblich Feministische Konzepte wie Arbeitszeitverk\u00fcrzung oder bedingungsloses Grundeinkommen setzen darauf, Sorge Arbeit ins Zentrum gesellschaftspolitischer Diskussionen zu stellen W\u00e4hrend die Initiatorinnen des Frauenvolksbegehrens 2.0 noch via Crowdfunding Geld f\u00fcr die Umsetzung ihres Vorhabens im kommenden Jahr sammeln, sorgen die Inhalte des Volksbegehrens bereits f\u00fcr&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/sorge-arbeit-ohne-lohn\/\">Sorge Arbeit 8211 ohne<\/a> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/sorge-arbeit-ohne-lohn\/\">Sorge Arbeit 8211 ohne<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":""},"categories":[37,88],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18669"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18669"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18669\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}