{"id":18719,"date":"2017-10-05T20:42:44","date_gmt":"2017-10-05T20:42:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weli.at\/kinder\/?p=18719"},"modified":"2017-11-14T15:14:40","modified_gmt":"2017-11-14T15:14:40","slug":"vernachlaessigung-der-aufsichtspflicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/vernachlaessigung-der-aufsichtspflicht\/","title":{"rendered":"Vernachl\u00e4ssigung der Aufsichtspflicht?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vernachl\u00e4ssigung der Aufsichtspflicht?<br \/>\nBewegung: Wie viel Risiko Kinder brauchen<\/strong> <\/p>\n<p>Ein Kind bricht sich den Ellenbogen, der Vater klagt und bekommt Recht. Der Fall k\u00f6nnte Folgen f\u00fcr viele Kinder haben.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Ein ruhiger Sommertag in einem kleinen Gemeindekindergarten s\u00fcdlich von Graz. 21 Kinder flitzen durch den Bewegungsraum, klettern auf Sprossenw\u00e4nde, rutschen \u00fcber Matten, spielen ausgelassen. Eine Betreuerin, sie ist eine erfahrene P\u00e4dagogin mit vielen Dienstjahren, beaufsichtigt die M\u00e4dchen und Buben. Doch sie ist allein mit ihnen im Raum \u2013 ihre Kollegin hat sich f\u00fcr diesen Tag krankgemeldet. Dann passiert es: Ein f\u00fcnfj\u00e4hriges M\u00e4dchen will mit einem zweiten Kind \u00fcber eine in die Sprossenwand eingeh\u00e4ngte Langbank rutschen, als es abgleitet und aus sechzig Zentimetern H\u00f6he auf den Mattenboden st\u00fcrzt. Die Betreuerin steht nur zwei Meter von den Kindern entfernt, doch das M\u00e4dchen f\u00e4llt ungl\u00fccklich und bricht sich den Ellenbogen. Ein Ungl\u00fcck, das eben passieren kann \u2013 k\u00f6nnte man meinen. Doch der Fall hat Folgen. Der Vater des M\u00e4dchens klagt die P\u00e4dagogin wegen Vernachl\u00e4ssigung der Aufsichtspflicht. Er fordert 15.400 Euro Schadensersatz und dass der Kindergarten f\u00fcr s\u00e4mtliche Sp\u00e4t- und Dauerfolgen aus dem Unfall haftet. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend die erste Instanz in dem Sturz noch einen nicht zu vermeidenden Spielunfall sieht, teilt das Oberlandesgericht die Ansicht des Vaters: Die Kindergartenbetreuerin h\u00e4tte den M\u00e4dchen beim Rutschen entweder die Hand halten oder ihnen das Rutschen \u00fcberhaupt verbieten m\u00fcssen, weil sie an diesem Tag allein war. <\/p>\n<p>Nun stimmte der Oberste Gerichtshof dem Oberlandesgericht zu: Die Eltern haben ein Recht auf Schadensersatz. <\/p>\n<p>Seither besch\u00e4ftigt der Fall nicht nur Expertinnen und Experten f\u00fcr Rechtsfragen. Er besch\u00e4ftigt viele Menschen. P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen in Kinderbetreuungseinrichtungen zum Beispiel, Lehrerinnen und Lehrer. Und er besch\u00e4ftigt Eltern von Kindern im Kindergarten- und Schulalter. Denn \u00fcber allem steht die Frage, was es f\u00fcr die Bewegungsfreiheit von M\u00e4dchen und Buben in Zukunft bedeuten k\u00f6nnte, wenn der Fall Schule macht. Wenn also Betreuungspersonen Angst haben m\u00fcssen, verklagt zu werden, wenn sie f\u00fcnfj\u00e4hrigen Kindern beim Rutschen nicht die Hand halten. <\/p>\n<p>Die steirische Kinder- und Jugendanw\u00e4ltin Denise Schiffrer-Barac ortet eine &#8222;extrem bedenkliche Entwicklung&#8220; und warnt vor &#8222;amerikanischer Klagskultur&#8220; in \u00d6sterreich. Durch den Fall k\u00f6nnten wichtige Entwicklungsfreir\u00e4ume f\u00fcr alle Kinder verlorengehen. Denn das Betreuungspersonal reagiere auf Klagen dieser Art erfahrungsgem\u00e4\u00df mit Furcht, Unsicherheit und Vermeidungsverhalten. Eine Verunsicherung, die sich in weiterer Folge auf Eltern und Kinder \u00fcbertrage. Am Ende st\u00fcnden dann weniger freie Bewegung und damit weniger Entwicklungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr alle Kinder \u2013 aus &#8222;Sicherheitsgr\u00fcnden&#8220;. Sicherheit auch f\u00fcr das Personal, das keine Klagen durch Eltern riskieren will.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend manche Eltern heute Kinderg\u00e4rten klagen, klagen andere \u00fcber den grassierenden Bewegungsmangel von Kindern und die damit verbundenen gesundheitlichen Folgen. <\/p>\n<p>Beispiel Schulweg: Im Jahr 1970 gingen noch 91 Prozent der Erstkl\u00e4ssler ohne Erwachsene zu Fu\u00df in die Schule. Im Jahr 2000 taten das gerade noch 17 Prozent. Der Anteil jener Kinder, die von ihren Eltern tagt\u00e4glich mit dem Auto in die Schule kutschiert werden, w\u00e4chst. H\u00e4ufige Argumente der Eltern: Stress in der Fr\u00fch und Sorge um die Sicherheit der Kinder. Dabei sind motorisierte Eltern l\u00e4ngst selbst eine relevante Gefahrenquelle geworden: So zeigt die Statistik, dass heute mehr Kinder im Auto ihrer Eltern zu Schaden kommen als solche, die zu Fu\u00df unterwegs sind. &#8222;Eltern haben oft nur die kurzfristigen, nicht aber die langfristigen Risiken im Blick.&#8220; Das schreibt Ingo Frob\u00f6se, Leiter des Zentrums f\u00fcr Gesundheit durch Sport der Deutschen Sporthochschule K\u00f6ln, in seinem gerade erschienenen Buch &#8222;Der kleine Sporticus&#8220;. Wer um jeden Preis vermeiden wolle, dass sich sein Kind bei der Bewegung und beim Sport verletze, bewirke oft genau das Gegenteil: Denn je bewegungserfahrener Kinder sind, desto weniger unfallgef\u00e4hrdet sind sie auch. Frob\u00f6se: &#8222;Wir m\u00fcssen zulassen, dass sich Kinder von klein auf bewegen und an ihre Grenzen heranwagen k\u00f6nnen.&#8220; Das gehe eben nicht immer unfallfrei. Fallen lernt man durch Fallen \u2013 diese Erkenntnis scheint vielen Menschen irgendwann verlorengegangen zu sein. <\/p>\n<p>&#8222;Realistische Selbsteinsch\u00e4tzung&#8220; &#8222;\u00dcber Bewegung bekommen Kinder Vorstellungen \u00fcber ihre k\u00f6rperlichen St\u00e4rken und individuellen Grenzen und gelangen so zu einer realistischen Selbsteinsch\u00e4tzung&#8220;, sagt auch Kinderanw\u00e4ltin Schiffrer-Barac. &#8222;P\u00e4dagogen und P\u00e4dagoginnen \u00fcbernehmen hier eine gro\u00dfe Verantwortung in der Bildungsarbeit mit Kindern.&#8220; Es sei aber unm\u00f6glich, s\u00e4mtliche Gefahrenquellen zur G\u00e4nze auszuschlie\u00dfen und alle Unf\u00e4lle zu vermeiden. Das kann Eva Reznicek best\u00e4tigen. Sie ist stellvertretende Abteilungsleiterin der Wiener Magistratsabteilung 10, zust\u00e4ndig f\u00fcr Kinderg\u00e4rten. Auch Reznicek sagt, dass F\u00e4lle wie jener in der Steiermark das Kindergartenpersonal massiv verunsicherten. Bei den st\u00e4dtischen Kinderg\u00e4rten in Wien gibt es eine eigene Haftpflichtversicherung f\u00fcr diese F\u00e4lle, denn: &#8222;Unf\u00e4lle sind nie v\u00f6llig auszuschlie\u00dfen, wenn Kinder sich spielerisch bewegen \u2013 \u00fcbrigens auch nicht bei Eins-zu-eins-Betreuung.&#8220; Man informiere die Eltern regelm\u00e4\u00dfig dar\u00fcber, dass Bewegung im Kindergarten wichtig und immer mit einem gewissen Risiko verbunden sei. &#8222;F\u00fcr die Betreuung gibt es aber genaue Richtlinien.&#8220; So betr\u00e4gt der gesetzlich vorgeschriebene Betreuungsschl\u00fcssel in Wiener Kinderg\u00e4rten maximal zw\u00f6lf Kinder pro erwachsene Betreuungsperson. <\/p>\n<p>Was aber tun, wenn eine P\u00e4dagogin kurzfristig ausf\u00e4llt oder krank wird, wie es im steirischen Kindergarten der Fall war? Reznicek: &#8222;Dann hilft man innerhalb des Hauses aus, indem man Kinder etwa in andere Gruppen schickt.&#8220; Notfalls komme Personal aus anderen Standorten. &#8222;Aber nat\u00fcrlich werden bestimmte Dinge, wie Ausfl\u00fcge, nicht gemacht, wenn es die Betreuungssituation nicht zul\u00e4sst.&#8220; Ob die verurteilte P\u00e4dagogin in der Steiermark grob fahrl\u00e4ssig gehandelt habe, indem sie 21 Kinder allein im Bewegungsraum betreute, mag Reznicek &#8222;nicht beurteilen&#8220;. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich: Selbst zw\u00f6lf Kinder pro Betreuungsperson k\u00f6nnen zu viele sein. In Skandinavien schaut eine P\u00e4dagogin oder ein P\u00e4dagoge auf maximal sieben Kinder. Und ein gebrochener Ellenbogen ist keine Bagatelle: Fast immer ist eine Operation n\u00f6tig, gefolgt von mehrw\u00f6chigem Ruhigstellen. Je nachdem, wie sich die Knochenbruchst\u00fccke des Gelenks verschoben haben, sind bleibende Sch\u00e4den h\u00e4ufig. Das w\u00fcnscht niemand seinem Kind. Und doch bleibt die Frage: L\u00e4sst sich so etwas wirklich vermeiden? Geht es ganz ohne Risiko? <\/p>\n<p>&#8222;Wir m\u00fcssen zulassen, dass sich Kinder auch an ihre Grenzen heranwagen&#8220;, schreibt Ingo Frob\u00f6se. Eine Kindheit in der Gummizelle ist nicht m\u00f6glich \u2013 und sie ist nicht sinnvoll. &#8222;Kinder sollen nicht nur fr\u00fchzeitig motorische und koordinative F\u00e4higkeiten erlernen&#8220;, sagt Stefan Herker, Pr\u00e4sident der Sportunion Steiermark. &#8222;Sie brauchen f\u00fcr ihre pers\u00f6nliche Entwicklung auch k\u00f6rperliche Erfahrungen.&#8220; Dieses Fordern und F\u00f6rdern gelinge aber nicht an der Hand einer Kindergartenp\u00e4dagogin. Mit Sicherheit nicht.<br \/>\n(Lisa Mayr, 30.9.2017) &#8211; derstandard.at\/2000065045551\/Bewegung-Ein-Ellenbogenbruch-mit-Folgen (2017-10-05, 22:39)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vernachl\u00e4ssigung der Aufsichtspflicht? 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