{"id":18796,"date":"2018-02-07T21:53:31","date_gmt":"2018-02-07T21:53:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weli.at\/kinder\/?p=18796"},"modified":"2018-02-07T21:54:17","modified_gmt":"2018-02-07T21:54:17","slug":"bildung-oder-individualitaet-largo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/bildung-oder-individualitaet-largo\/","title":{"rendered":"Bildung oder Individualit\u00e4t &#8211; Largo"},"content":{"rendered":"<h1>Remo H. Largo: Eltern reichen als Vorbilder nicht aus<\/h1>\n<p>Der Schweizer Kinderarzt \u00fcber die Individualit\u00e4t der Kinder und warum das Bildungssystem einer Planwirtschaft gleicht<!--more--><\/p>\n<p>STANDARD: Jedes Kind ist darauf angelegt ist, sein Begabungspotenzial zu verwirklichen. Das schreiben Sie in Ihrem Buch &#8222;Das passende Leben&#8220;. Im Laufe eines Lebens verlernen viele Menschen, das eigene Potenzial zu sehen und auszusch\u00f6pfen. Warum?<\/p>\n<p>Largo: Da gibt es eine Reihe von Gr\u00fcnden. Vielleicht muss man sich auch fragen, was denn eine ideale Entwicklung in der Kindheit w\u00e4re. Kinder kommen mit bestimmten F\u00e4higkeiten auf die Welt, die von Kind zu Kind sehr unterschiedlich angelegt sind. Nehmen wir die Sprachbegabung, das Sozialverhalten oder das Zahlenverst\u00e4ndnis. W\u00e4hrend das Kind mit allen Fasern seine individuellen Begabungen realisieren will, setzen Gesellschaft und Wirtschaft andere Erwartungen in das Kind und verhindern so, dass es sich entwickeln kann, wie es ihm entspricht.<\/p>\n<p>STANDARD: Was br\u00e4uchte es stattdessen?<\/p>\n<p>Largo: Es geht nicht anders, als dass man auf die Individualit\u00e4t des Kindes eingeht. Kinder wollen sich entwickeln. Und sie wollen lernen. Wenn sie das selbstbestimmt tun k\u00f6nnen, ergibt das einen ganz gro\u00dfen Unterschied zum herk\u00f6mmlichen Schulsystem. Sie werden dann in ihrem Selbstwertgef\u00fchl und in ihrer Selbstwirksamkeit nicht besch\u00e4digt, lernen also zu sagen: Ich mag mich, so wie ich bin, und ich schaffe es in dieser Gesellschaft. In der Volksschule ist das leider meist anders: Viele Kinder gehen nach neun Jahren mit dem Gef\u00fchl aus der Schule, ein Versager ohne Zukunft zu sein.<\/p>\n<p>STANDARD: Das herrschende Bildungssystem bezeichnen Sie als Planwirtschaft. Ist die Bildungspolitik schuld daran, dass wir verlernen, unsere Individualit\u00e4t zu leben?<\/p>\n<p>Largo: Das Bildungssystem ist eine Planwirtschaft \u2013 das klingt provokant, aber ich stehe dazu, weil ich glaube, dass die f\u00fcr das Bildungssystem Verantwortlichen keine Vorstellung davon haben, wie sich Kinder entwickeln. Stattdessen orientieren sie sich an den Anforderungen der Wirtschaft. Ihr Auftrag aber w\u00e4re, f\u00fcr eine Schule zu sorgen, in der die Kinder ihre Individualit\u00e4t m\u00f6glichst gut entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>STANDARD: Wie m\u00fcsste so eine Schule aussehen?<\/p>\n<p>Largo: Wir haben in der Schweiz eine ungew\u00f6hnliche Schule, die Villa Monte. Die gibt es seit mehr als 30 Jahren und war urspr\u00fcnglich eine Montessori-Schule. Dann hat die Schule im Verlauf vieler Jahre die Lehrer langsam abgeschafft. Das hei\u00dft, es gibt keine P\u00e4dagogen, die den Kindern sagen, was sie zu tun haben. Wenn die Kinder am Morgen kommen, entscheiden sie, was sie machen wollen: lesen, rechnen, spielen, in den Wald gehen oder sich ein Kleid schneidern. Und wenn sie Hilfe brauchen, gibt es P\u00e4dagogen, die sie unterst\u00fctzen. Sie entwickeln sich genauso gut wie die Kinder in der Volksschule. Der gro\u00dfe Unterschied: Sie haben ein gutes Selbstwertgef\u00fchl und eine gute Selbstwirksamkeit und sind dadurch leistungsf\u00e4higer.<\/p>\n<p>STANDARD: Der Druck auf Kinder, gesellschaftliche Erwartungen zu erf\u00fcllen, wird aktuell nicht weniger. Statt eines gelingenden Lebens w\u00fcnschen viele Eltern ihren Kindern einen guten Job.<\/p>\n<p>Largo: Viele Eltern haben existentielle \u00c4ngste. Sie bef\u00fcrchten, dass es ihr Kind in dieser Gesellschaft nicht schaffen wird. Dadurch entsteht ein enormer Druck, der die Kinder in ihrer Lernbereitschaft besch\u00e4digt. Sie m\u00fcssen weitgehend fremdbestimmt Anforderungen erf\u00fcllen, die vom Bildungssystem vorgegeben werden. Dieser Druck demotiviert die Kinder in ihrem Lernverhalten. Das Schlimmste, was die Schule den Kindern antun kann: ihnen den Glauben an sich zu nehmen.<\/p>\n<p>STANDARD: &#8222;Das passende Leben&#8220; ist so etwas wie eine Evolutionsgeschichte der Individualit\u00e4t. Was interessiert Sie daran?<\/p>\n<p>Remo: Am Anfang stand das Bed\u00fcrfnis, die Menschen besser zu verstehen. Dabei haben mir die Z\u00fcrcher Longitudinalstudien sehr geholfen. Im Verlaufe von \u00fcber 30 Jahren habe ich erleben d\u00fcrfen, wie sich mehr als 700 Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter entwickelt haben. Die Vielfalt unter den Kindern und die Einzigartigkeit jedes Kindes sind in allen Entwicklungsphasen so ausgepr\u00e4gt, dass wir sie schlicht nicht ignorieren d\u00fcrfen. Vielfalt und Individualit\u00e4t entwickeln sich auch im Erwachsenenalter noch weiter.<\/p>\n<p>STANDARD: Was raten Sie Menschen, die das Gef\u00fchl haben, ein &#8222;unpassendes Leben&#8220; zu leben?<\/p>\n<p>Largo: Eine gute Art, an sich heranzukommen, ist, wenn man sich an Gl\u00fccksmomente in der Kindheit, aber auch im Erwachsenenalter zur\u00fcckerinnert. Wann war man gl\u00fccklich? Wann waren meine Bed\u00fcrfnisse befriedigt und wann nicht? Womit hatte man in der Schule gro\u00dfe M\u00fche? Und f\u00e4llt einem das noch immer schwer? Zum Beispiel Lesen. Es ist nicht leicht, eine Schw\u00e4che zu akzeptieren. Vielleicht denkt man, wenn man nicht gut lesen kann, man sei dumm. Aber es besteht kein Zusammenhang zwischen Lesekompetenz und Intelligenz. Ich kenne hochintelligente Menschen, die mit 70 Jahren immer noch ihre Legasthenie haben.<\/p>\n<p>STANDARD: Ob jemand seine Individualit\u00e4t leben kann oder nicht, h\u00e4ngt viel vom sozialen Umfeld ab. Welche zus\u00e4tzlichen Aspekte hindern Kinder daran, ihre St\u00e4rken zu leben?<\/p>\n<p>Largo: Kinder k\u00f6nnen in unserer Gesellschaft nicht selbstbestimmt aufwachsen. Sie sind fremdbestimmt durch die Anforderungen der Eltern und der Schule. Sie sp\u00fcren nicht mehr, wo ihre St\u00e4rken und Schw\u00e4chen liegen. Ein weiter Schwachpunkt: Eltern reichen als Vorbilder nicht aus. Die Eltern k\u00f6nnen nicht alle Bed\u00fcrfnisse und F\u00e4higkeiten der Kinder abdecken. Was Kinder seit jeher brauchen, sind mehrere Bezugspersonen. Sie wollen mit ihnen spannende Erfahrungen machen und von ihnen lernen. Solche Bezugspersonen fehlen den Kindern heute weitgehend. Und was noch weit schlimmer ist: Die wichtigsten Lehrmeister f\u00fcr Kinder sind andere Kinder, und die fehlen ihnen auch.<\/p>\n<p>STANDARD: An einer Stelle im Buch schreiben Sie, dass unsere Gesellschaft im Grunde nicht besser f\u00fcr uns geeignet sei als ein K\u00e4fig f\u00fcr einen L\u00f6wen.<\/p>\n<p>Largo: Ich beziehe mich auf die Rede von Friedrich D\u00fcrrenmatt Anfang der 1990er-Jahre als V\u00e1clav Havel zu Besuch in der Schweiz war. D\u00fcrrenmatts Worte waren so entlarvend, dass ihm hohe Politiker und Wirtschaftsbosse danach nicht mehr die Hand geben wollten. Der Kern seiner Rede: Wir haben uns mit Gesellschaft und Wirtschaft einen goldenen K\u00e4fig geschaffen, in dem wir unsere sozialen und emotionalen Grundbed\u00fcrfnisse immer weniger befriedigen k\u00f6nnen. Wohlstand allein macht nicht gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>STANDARD: Ihr Fazit?<\/p>\n<p>Largo: Jeder Mensch ist ein Unikat. Seine Einzigartigkeit kann er nur unter vertrauten Menschen, in einer Lebensgemeinschaft leben. Wir sind nicht f\u00fcr eine anonyme Massengesellschaft gemacht. (Christine Tragler, 21.1.2018)<\/p>\n<p>Remo H. Largo, geboren 1943 in Winterthur, studierte Medizin an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und Entwicklungsp\u00e4diatrie an der University of California, Los Angeles. Seit 1978 leitete er die Abteilung &#8222;Wachstum und Entwicklung&#8220; an der Universit\u00e4ts-Kinderklinik Z\u00fcrich. Die Z\u00fcrcher Longitudinalstudien, die er dort verantwortete, sind international einzigartig und geh\u00f6ren zu den umfassendsten Studien in der Entwicklungsforschung. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und Bestseller, die sich mit der menschlichen Entwicklung befassen. Seine B\u00fccher &#8222;Babyjahre&#8220;, &#8222;Kinderjahre&#8220; und &#8222;Jugendjahre&#8220; gelten als Klassiker der Erziehungsliteratur. &#8211; derstandard.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Remo H. 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