{"id":18799,"date":"2018-02-07T22:01:21","date_gmt":"2018-02-07T21:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weli.at\/kinder\/?p=18799"},"modified":"2024-11-28T22:04:43","modified_gmt":"2024-11-28T21:04:43","slug":"noten-oder-alternative-beurteilung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weli.at\/kinder\/noten-oder-alternative-beurteilung\/","title":{"rendered":"Noten: oder alternative Beurteilung"},"content":{"rendered":"\n[et_pb_section][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text]<h1>Noten oder alternative Beurteilung?\n&#8222;Wir reden nur \u00fcber die bl\u00f6den Noten&#8220;<\/h1>\nDer Wiener Schuldirektor Josef Reichmayr macht seit zwanzig Jahren gute Erfahrungen mit alternativer Leistungsbeurteilung<!--more-->\n\nSTANDARD: Sie sind das Sprachrohr der Initiative #LerneGerne. Was ist das Ziel dieser Aktion?\n\nReichmayr: Das Ziel ist, positiv darzustellen, was Schule leisten kann unter dem Postulat der Differenzierung und Individualisierung, die es bisher gab und hoffentlich weiter geben wird. Wir wollen zeigen, was Kinder an allt\u00e4glicher Ermunterung und Begleitung f\u00fcr erfolgreiches Lernen brauchen und welche Rolle Ziffernnoten dabei spielen. Das Vorbild ist etwa #MeToo, auch wenn wir keine spektakul\u00e4ren Eintr\u00e4ge haben. Die Kinder schreiben selbst, und es ist oft ber\u00fchrend und be\u00e4ngstigend zu lesen, wie es ihnen mit Notenbeurteilung geht.\n\nSTANDARD: Sie wollen die Regierung von ihrem Programm abbringen?\n\nReichmayr: Wir wollen allen vor Augen f\u00fchren, dass es Alternativen gibt, die funktionieren. Tausende Volksschullehrerinnen und -lehrer in ganz \u00d6sterreich praktizieren das seit Jahren mit viel Aufwand und gro\u00dfer Wirkung. Wir zeigen das an der Lernwerkstatt Brigittenau seit 20 Jahren, seit zehn Jahren sogar von der ersten bis zur achten Schulstufe. Unsere Erfolge k\u00f6nnen sich sehen lassen. Da sind wir als \u00f6ffentliche Schule ziemlich allein auf weiter Flur, aber im privaten Bereich gibt es das ja auch. Die Absolventen der Waldorf-Schulen etwa bestehen sp\u00e4ter im Leben auch, ohne benotet worden zu sein. Das Notensystem ist ein reines Steuerungsinstrument. Wenn Kinder mit zehn Jahren auseinandergerissen werden in ihren Schulverl\u00e4ufen, dann braucht man nat\u00fcrlich die Noten, um zu begr\u00fcnden, wer an welche Schule gehen darf. Das war bisher schon so, jetzt wird noch eins draufgesetzt.\n\nSTANDARD: Das Argument der Ziffernnoten-Bef\u00fcrworter lautet, die verbale Beurteilung sei ja weiterhin zus\u00e4tzlich m\u00f6glich &#8230;\n\nReichmayr: &#8230; das kennen wir schon, das habe ich schon der vorigen Bildungsministerin Hammerschmied im Herbst 2016 in einem \u00f6ffentlichen Brief gesagt: Gut, dass es Schulautonomie gibt, aber wenn, dann muss man sie konsequent leben. Wenn dann zentralistisch verordnet wird, dass man die f\u00fcnfteilige Ziffernskala trotz alternativer Beurteilung zu ber\u00fccksichtigen habe, f\u00fchrt sich die Autonomie ad absurdum. Nicht nur ich habe damals gesagt: Dann habt uns gerne, dann geben wir gleich wieder nur Noten. Das ist ja eine v\u00f6llige Verkennung der Substanz einer alternativen Beurteilung.\n\nSTANDARD: Ein Pro-Argument lautet auch, die Sch\u00fcler selbst freuten sich \u00fcber Benotung, weil sie sich gerne vergleichen. Ist da was dran?\n\nReichmayr: Noten sind etwas sehr Banales, Verk\u00fcrzendes, Pauschalisierendes. Aber vor allem f\u00fcr Eltern, gerade auch aus anderen Kulturkreisen oder f\u00fcr sehr ehrgeizige Eltern, haben sie eine Aussagekraft. Aber das kann man auch anders machen: Wir f\u00fchren mit jedem Kind in jedem Semester Gespr\u00e4che, bei denen wir ausloten, wo sie stehen, was ihre St\u00e4rken sind und wo sie Nachholbedarf haben. Da sind die Eltern dabei, sie bekommen einen guten \u00dcberblick, wo ihre Kinder stehen. Das gibt es seit langem, da haben wir gute Erfahrungen gemacht. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man zum Ende der Volksschulzeit auch nur ins Zeugnis hineinschreiben, dass ein Kind &#8222;voraussichtlich AHS-reif&#8220; ist.\n\nSTANDARD: Sie bezeichnen die Lernwerkstatt als gallisches Dorf. Ist sie nicht einfach eine Gesamtschule?\n\nReichmayr: Jo mei, wenn man so einen Begriff m\u00f6chte, sind wir das. F\u00fcr manche ist das leider der Gottseibeiuns. Bei uns gibt es diese Besonderheit, dass unsere Kinder von der ersten bis zur siebenten Schulstufe ohne Noten beurteilt werden, wir f\u00fchren Mehrstufenklassen, verkn\u00fcpfen Volks- mit Mittelschule und versuchen, auf jeden Sch\u00fcler und jede Sch\u00fclerin individuell einzugehen. Das System bew\u00e4hrt sich, die meisten, die hier als Volkssch\u00fcler anfangen, bleiben auch gerne bis zur achten Stufe da.\n\nSTANDARD: Im Regierungsprogramm ist die Rede davon, Schulversuche auslaufen zu lassen. W\u00e4re das auch das Ende f\u00fcr Ihre Schule?\n\nReichmayr: Das ist eine spannende Frage. Unsere schulpartnerschaftlich besetzte Qualit\u00e4tskommission wird im Februar eine Urabstimmung unter den Schulpartnern durchf\u00fchren, ob die Mehrheit daf\u00fcr ist, dass dieser Schulversuch weitergef\u00fchrt wird. Wenn eine gro\u00dfe Mehrheit daf\u00fcr ist, kann ich zumindest sagen, okay, das ist unser demokratischer Wille. Ich hoffe, dass das Ergebnis dieser Abstimmung Beachtung findet. Die Regierung will ja auch die partizipative Demokratie st\u00e4rken. Wir sind auch eine kleine gesellschaftliche Einheit. Uns gibt es seit 20 Jahren, viel, viel mehr Kinder wollen zu uns an die Schule kommen, als wir je aufnehmen k\u00f6nnen. Man wird sich schon \u00fcberlegen m\u00fcssen, ob man \u00fcber uns dr\u00fcberf\u00e4hrt. M\u00f6glich ist es, das Schulsystem ist ein zentralistisches, hierarchisches System.\n\nSTANDARD: Die Regierung will die Sonderschulen erhalten. Was halten Sie davon?\n\nReichmayr: Ich bin hier kein Dogmatiker. Je radikaler man individualisiert, nicht nur durch die Klassengr\u00f6\u00dfen, sondern auch dadurch, wie man den Tagesablauf insgesamt gestaltet, desto mehr M\u00f6glichkeiten \u00f6ffnen sich f\u00fcr eine wirkliche Differenzierung. Wir haben etwa eine Lebenspraxisgruppe etabliert, da kommt ein Teil der Integrationskinder, f\u00fcr die das gut passt, zusammen. Da gibt es sehr elementare Angebote, etwa Kochen, Einkaufen etc., da fassen wir alle Kinder verschiedener Altersstufen zusammen. Das ist f\u00fcr mich kein Tabubruch gegen\u00fcber einer Integration oder Inklusion, sondern Teil eines differenzierten Lerngeschehens.\n\nSTANDARD: Bef\u00fcrworten Sie auch Sprachf\u00f6rderklassen, wie sie der Bildungsminister einf\u00fchren will?\n\nReichmayr: Es ist gut, dass es offenbar mehr Ressourcen geben soll. Aber ich bleibe dabei: Im Rahmen der Schulautonomie sollen die Schulen selbst bestimmen, was sie brauchen. Sie sollen es tun, wenn sie es brauchen, und lassen, wenn sie es nicht brauchen. Diesen Zentralismus, die Verordnung von oben, halte ich f\u00fcr falsch. Das ist kein neuer Stil, das ist alte Unkultur. Oder wenn schon Zentralismus, dann den richtigen.\n\nSTANDARD: Was w\u00e4re der richtige?\n\nReichmayr: Dass man etwa endlich die Grundbestimmungen f\u00fcr Volksschulen \u00e4ndert. Eine Klassenlehrerin f\u00fcr 25 Kinder, das ist nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df und spiegelt auch die gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht wider. Wir br\u00e4uchten l\u00e4ngst die Verordnung, dass in einer Klasse mindestens zwei Lehrer zu stehen haben. Wir brauchen ein Bekenntnis zur M\u00f6glichkeit der Mehrstufenklassen. Diesen Schulversuch gibt es jetzt seit bald 20 Jahren, es gibt mindestens 100 solcher Klassen allein in Wien, und es herrscht v\u00f6llige Ungewissheit, wie es da weitergeht.\n\nSTANDARD: Was passiert, wenn Ziffernnoten vorgeschrieben werden?\n\nReichmayr: Dann werden wir eben auch mit Ziffern benoten. Aber wie es dann mit der Notenwahrheit steht, ist fraglich. Der Gesetzgeber hat detailliert vorgegeben, was ein &#8222;Sehr gut&#8220; ist: Leistung, weit \u00fcber den Durchschnitt hinaus. Demzufolge sind die \u00fcberwiegende Mehrheit der Volkssch\u00fcler kleine Genies, weil sie in der vierten Klasse lauter Einser haben, damit sie ins Gymnasium kommen. Man kennt auch den Druck der Eltern auf die Lehrer diesbez\u00fcglich. Kommen Kommissare an die Schulen, die die Notengebung kontrollieren? Da kann man verordnen, was man will, die Realit\u00e4t wird eine andere sein. Das sind alles Ablenkungsman\u00f6ver, damit man nicht genau hinschauen muss, was Kinder wirklich k\u00f6nnen. Wir reden nur \u00fcber die bl\u00f6den Noten.\n\n(Petra Stuiber, 1.2.2018) Josef Reichmayr (Jg. 1954) ist Volks- und Sonderschullehrer. Seit 1998 leitet er die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau, eine Ganztagsvolks- und -mittelschule der Stadt Wien. Zum Thema Bildungsforum: Verpflichtende Noten in der Volksschule: Was spricht daf\u00fcr, was dagegen? &#8211; derstandard.at[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><div class=\"et_pb_section et_pb_section_0 et_section_regular\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_row et_pb_row_0 et_pb_row_empty\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>Noten oder alternative Beurteilung? &#8222;Wir reden nur \u00fcber die bl\u00f6den Noten&#8220; Der Wiener Schuldirektor Josef Reichmayr macht seit zwanzig Jahren gute Erfahrungen mit alternativer Leistungsbeurteilung STANDARD: Sie sind das Sprachrohr der Initiative #LerneGerne. Was ist das Ziel dieser Aktion? 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Die Absolventen der Waldorf-Schulen etwa bestehen sp\u00e4ter im Leben auch, ohne benotet worden zu sein. Das Notensystem ist ein reines Steuerungsinstrument. Wenn Kinder mit zehn Jahren auseinandergerissen werden in ihren Schulverl\u00e4ufen, dann braucht man nat\u00fcrlich die Noten, um zu begr\u00fcnden, wer an welche Schule gehen darf. Das war bisher schon so, jetzt wird noch eins draufgesetzt.\n\nSTANDARD: Das Argument der Ziffernnoten-Bef\u00fcrworter lautet, die verbale Beurteilung sei ja weiterhin zus\u00e4tzlich m\u00f6glich ...\n\nReichmayr: ... das kennen wir schon, das habe ich schon der vorigen Bildungsministerin Hammerschmied im Herbst 2016 in einem \u00f6ffentlichen Brief gesagt: Gut, dass es Schulautonomie gibt, aber wenn, dann muss man sie konsequent leben. Wenn dann zentralistisch verordnet wird, dass man die f\u00fcnfteilige Ziffernskala trotz alternativer Beurteilung zu ber\u00fccksichtigen habe, f\u00fchrt sich die Autonomie ad absurdum. Nicht nur ich habe damals gesagt: Dann habt uns gerne, dann geben wir gleich wieder nur Noten. Das ist ja eine v\u00f6llige Verkennung der Substanz einer alternativen Beurteilung.\n\nSTANDARD: Ein Pro-Argument lautet auch, die Sch\u00fcler selbst freuten sich \u00fcber Benotung, weil sie sich gerne vergleichen. Ist da was dran?\n\nReichmayr: Noten sind etwas sehr Banales, Verk\u00fcrzendes, Pauschalisierendes. Aber vor allem f\u00fcr Eltern, gerade auch aus anderen Kulturkreisen oder f\u00fcr sehr ehrgeizige Eltern, haben sie eine Aussagekraft. Aber das kann man auch anders machen: Wir f\u00fchren mit jedem Kind in jedem Semester Gespr\u00e4che, bei denen wir ausloten, wo sie stehen, was ihre St\u00e4rken sind und wo sie Nachholbedarf haben. Da sind die Eltern dabei, sie bekommen einen guten \u00dcberblick, wo ihre Kinder stehen. Das gibt es seit langem, da haben wir gute Erfahrungen gemacht. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man zum Ende der Volksschulzeit auch nur ins Zeugnis hineinschreiben, dass ein Kind \"voraussichtlich AHS-reif\" ist.\n\nSTANDARD: Sie bezeichnen die Lernwerkstatt als gallisches Dorf. Ist sie nicht einfach eine Gesamtschule?\n\nReichmayr: Jo mei, wenn man so einen Begriff m\u00f6chte, sind wir das. F\u00fcr manche ist das leider der Gottseibeiuns. Bei uns gibt es diese Besonderheit, dass unsere Kinder von der ersten bis zur siebenten Schulstufe ohne Noten beurteilt werden, wir f\u00fchren Mehrstufenklassen, verkn\u00fcpfen Volks- mit Mittelschule und versuchen, auf jeden Sch\u00fcler und jede Sch\u00fclerin individuell einzugehen. Das System bew\u00e4hrt sich, die meisten, die hier als Volkssch\u00fcler anfangen, bleiben auch gerne bis zur achten Stufe da.\n\nSTANDARD: Im Regierungsprogramm ist die Rede davon, Schulversuche auslaufen zu lassen. W\u00e4re das auch das Ende f\u00fcr Ihre Schule?\n\nReichmayr: Das ist eine spannende Frage. Unsere schulpartnerschaftlich besetzte Qualit\u00e4tskommission wird im Februar eine Urabstimmung unter den Schulpartnern durchf\u00fchren, ob die Mehrheit daf\u00fcr ist, dass dieser Schulversuch weitergef\u00fchrt wird. Wenn eine gro\u00dfe Mehrheit daf\u00fcr ist, kann ich zumindest sagen, okay, das ist unser demokratischer Wille. Ich hoffe, dass das Ergebnis dieser Abstimmung Beachtung findet. Die Regierung will ja auch die partizipative Demokratie st\u00e4rken. Wir sind auch eine kleine gesellschaftliche Einheit. Uns gibt es seit 20 Jahren, viel, viel mehr Kinder wollen zu uns an die Schule kommen, als wir je aufnehmen k\u00f6nnen. Man wird sich schon \u00fcberlegen m\u00fcssen, ob man \u00fcber uns dr\u00fcberf\u00e4hrt. M\u00f6glich ist es, das Schulsystem ist ein zentralistisches, hierarchisches System.\n\nSTANDARD: Die Regierung will die Sonderschulen erhalten. Was halten Sie davon?\n\nReichmayr: Ich bin hier kein Dogmatiker. Je radikaler man individualisiert, nicht nur durch die Klassengr\u00f6\u00dfen, sondern auch dadurch, wie man den Tagesablauf insgesamt gestaltet, desto mehr M\u00f6glichkeiten \u00f6ffnen sich f\u00fcr eine wirkliche Differenzierung. Wir haben etwa eine Lebenspraxisgruppe etabliert, da kommt ein Teil der Integrationskinder, f\u00fcr die das gut passt, zusammen. Da gibt es sehr elementare Angebote, etwa Kochen, Einkaufen etc., da fassen wir alle Kinder verschiedener Altersstufen zusammen. Das ist f\u00fcr mich kein Tabubruch gegen\u00fcber einer Integration oder Inklusion, sondern Teil eines differenzierten Lerngeschehens.\n\nSTANDARD: Bef\u00fcrworten Sie auch Sprachf\u00f6rderklassen, wie sie der Bildungsminister einf\u00fchren will?\n\nReichmayr: Es ist gut, dass es offenbar mehr Ressourcen geben soll. Aber ich bleibe dabei: Im Rahmen der Schulautonomie sollen die Schulen selbst bestimmen, was sie brauchen. Sie sollen es tun, wenn sie es brauchen, und lassen, wenn sie es nicht brauchen. Diesen Zentralismus, die Verordnung von oben, halte ich f\u00fcr falsch. Das ist kein neuer Stil, das ist alte Unkultur. Oder wenn schon Zentralismus, dann den richtigen.\n\nSTANDARD: Was w\u00e4re der richtige?\n\nReichmayr: Dass man etwa endlich die Grundbestimmungen f\u00fcr Volksschulen \u00e4ndert. Eine Klassenlehrerin f\u00fcr 25 Kinder, das ist nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df und spiegelt auch die gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht wider. Wir br\u00e4uchten l\u00e4ngst die Verordnung, dass in einer Klasse mindestens zwei Lehrer zu stehen haben. Wir brauchen ein Bekenntnis zur M\u00f6glichkeit der Mehrstufenklassen. Diesen Schulversuch gibt es jetzt seit bald 20 Jahren, es gibt mindestens 100 solcher Klassen allein in Wien, und es herrscht v\u00f6llige Ungewissheit, wie es da weitergeht.\n\nSTANDARD: Was passiert, wenn Ziffernnoten vorgeschrieben werden?\n\nReichmayr: Dann werden wir eben auch mit Ziffern benoten. Aber wie es dann mit der Notenwahrheit steht, ist fraglich. Der Gesetzgeber hat detailliert vorgegeben, was ein \"Sehr gut\" ist: Leistung, weit \u00fcber den Durchschnitt hinaus. Demzufolge sind die \u00fcberwiegende Mehrheit der Volkssch\u00fcler kleine Genies, weil sie in der vierten Klasse lauter Einser haben, damit sie ins Gymnasium kommen. Man kennt auch den Druck der Eltern auf die Lehrer diesbez\u00fcglich. Kommen Kommissare an die Schulen, die die Notengebung kontrollieren? Da kann man verordnen, was man will, die Realit\u00e4t wird eine andere sein. Das sind alles Ablenkungsman\u00f6ver, damit man nicht genau hinschauen muss, was Kinder wirklich k\u00f6nnen. 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