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Problem im Kindergarten – Standard

Probleme im Kindergarten: Wann das Kind herausnehmen?

Kolumne Jesper Juul

Wenn bei anhaltenden Konflikten Gespräche mit allen Betroffenen nicht mehr weiterführen, kann es Zeit sein, das Kind aus dem Kindergarten zu nehmen.

Frage Ich schreibe Ihnen als Mutter von drei Kindern (zweieinhalb, fünf und acht Jahre alt). Es geht um unseren Fünfjährigen: Seit einiger Zeit gibt es Schwierigkeiten im Kindergarten. Die Pädagoginnen meinen, dass unser Sohn an Konflikten beteiligt ist. Mittlerweile fragt er jeden Tag, ob schon Wochenende ist und er nicht mehr in den Kindergarten gehen muss – oder ob er bald in die Schule gehen kann. Ich weiß, dass er oft angebotene Tätigkeiten ablehnt und nicht mitmachen möchte. Wenn ein Konflikt unter den Kindern auftritt, so kann er gut beschreiben, was passiert. Meist ist er nur beteiligt, aber nicht selbst der Auslöser. Trotzdem beschuldigen ihn die Kindergärtnerinnen. Wenn ich mit ihm spreche, berichtet er über die Geschehnisse und meint, dass ihm nicht geglaubt wird, wenn er etwas sagt, dass er keine Hilfe bekommt und keine Freunde im Kindergarten hat. Ich habe wirklich das Gefühl, dass der Kindergarten für ihn nicht der richtige Ort zum Gedeihen ist. Zu Hause mit seinen Geschwistern und auch mit anderen Kindern im Bekanntenkreis fühlt er sich wohl, ist neugierig und hilfsbereit. Er liebt es, mit seinen Geschwistern zu spielen, und sie spielen gerne mit ihm. Ich habe den Eindruck, dass im Kindergarten der Fokus nur auf Probleme gerichtet ist und nicht darauf, wie es Kindern ermöglicht wird, Erfolgserlebnisse zu haben. Für mich als Mutter ist das ganz schrecklich. Mein Mann und ich haben schon mit den Pädagoginnen gesprochen. Aber wir stoßen auf großen Widerstand, wenn wir versuchen herauszufinden, wie wir gemeinsam zu einer Lösung kommen können, um unseren Sohn zu unterstützen. Meine Unsicherheit, ob unser Sohn wirklich dort bleiben soll, wächst ständig – und ich hoffe auf Ihren Rat.

Antwort So, wie die Dinge stehen und ich sie aus Ihrer Beschreibung herauslese, schlage ich vor, dass Sie Ihren Sohn aus diesem Kindergarten nehmen. Er hat bereits zu lange das getan, was er tun konnte, ohne dass dies den Pädagoginnen bewusst geworden wäre. Er hat darüber gesprochen, er hat sein Unwohlsein durch sein Verhalten ausgedrückt, und jetzt hat er das für ihn in seiner Entwicklung Gefährlichste getan: sich selbst aufgegeben. Er hat sozusagen seinen Glauben und sein Vertrauen darin verloren, dass Erwachsene ihn unterstützen können, wenn er Hilfe braucht. Er wurde von den Pädagoginnen zum Sündenbock gemacht. Mir fällt es schwer, vollständig zu begreifen, dass es immer noch „Profis“ im Kindergarten gibt, die Fünfjährige zu Schuldigen erklären! Vielleicht ist es für den folgenden Vorschlag noch nicht zu spät: Wenn ein Kind sich so klar ausdrückt, ist der erste Schritt ein Gespräch mit allen Beteiligten: Mit Ihnen als Eltern, Ihrem Sohn und den Pädagoginnen. Dabei wird vielleicht der Eindruck entstehen, dass diese vier Personen über vier verschiedene Kinder sprechen. Denn jeder nimmt das Kind in seiner Erfahrung unterschiedlich wahr. So kann jeder im Gespräch seine eigene Wahrheit entdecken – und Ihr Sohn erfährt auf diese Weise, dass Sie seine Anliegen und Symptome ernst nehmen. Dieser Verlauf ist oft heilsamer und dynamischer als eine „therapeutische“ Intervention. Die Pädagoginnen haben natürlich ihre Gründe für ihr Handeln. Dennoch glaube ich nicht wirklich, dass sie absichtlich so agieren, wie sie agieren. Ihr Sohn ist in ihren Augen einfach ein weiterer „ungezogener“ Bursche, der sie hilflos macht, weil sie nicht genau wissen, was sie mit ihm machen sollen. Ich halte es für einen professionellen Fehler, dass die Pädagoginnen Ihren Sohn über sein Verhalten definieren, aber nicht die eigenen Grenzen erkennen und ausdrücken. So sind es in vielen Fällen die Kinder, die den Preis für diese Verfehlung bezahlen. Wobei meiner Erfahrung nach meist Buben diesem Risiko ausgesetzt sind. Dies führt mich auch zu dem Wunsch nach mehr männlichen Mitarbeitern in Kindergärten und Bildungsinstitutionen. So kann der Tatsache, dass auch Burschen von Frauen definiert werden, entgegengewirkt werden. Das Problem ist in der Regel nämlich nicht das Verhalten eines Buben, sondern wie ihn die Frauen wahrnehmen. Es kann nur an dieser Stelle neu geordnet und gelöst werden. Ihr Sohn ist eines von vielen Beispielen aus der Kinderbetreuung und aus Schulen, wo zu viele Kinder, die von der Norm abzuweichen scheinen, stigmatisiert beziehungsweise eben als „nicht normal“ definiert werden. Unabhängig davon, ob Sie ihn aus dem Kindergarten nehmen können oder nicht: Wichtig ist, dass Sie sich im Namen der Erwachsenen bei ihm entschuldigen, ohne die Mitarbeiterinnen im Kindergarten zu kritisieren. Zeigen Sie ihm, dass er endlich gehört worden ist. Ihr Sohn hat dann hoffentlich ein Jahr lang Zeit, um gute Erfahrungen zu sammeln, bevor er in die Schule geht.

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab. Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

www.derstandard.at (2017-07-03)

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